„Zu viel Kommunikation macht blöd?“

Ständig über Lieblingsthemen zu schwadronieren ist irgendwann langweilig. Vor allem für die anderen. Wenn Kommunikation in einen Monolog ausartet, ist sie mißlungen, habe ich gerade irgendwo gelesen. Das stimmt! Und doch ist es das vorherrschende Merkmal unserer Zeit. An einem Dialog hat wohl niemand mehr Interesse. Aktuelles Beispiel: Talkshows! Will! Maischberger!! Lanz!!! Da genügen einige wenige Augenblicke, beim Zappen der eigenen wohlmeinenden Doofheit erlegen, auf einen sinnvollen Redebeitrag zu hoffen, und schon ist es wieder passiert: Alle reden durcheinander, Meinungen werden aneinander gereiht, es wird lauter, alle werfen sich vor, alle anderen zu unterbrechen (immer!), und über allem schwebt die Unfähigkeit des/der Moderator*in, die unterschiedlichen Erzählstränge zu bündeln und in so etwas wie ein Streitgespräch zu kanalisieren. Und wenn dann noch die versammelte Talkrunde sich wie Geier auf einen Einwand (noch nicht mal Meinung!) stürzt, der, vernünftigerweise, zur differenzierten Diskussion mahnt, dann frage ich mich schon, wie das etwas werden soll.

Der Hinweis des Hirnforschers Martin Korte, dass wir Menschen immer dümmer werden, scheint mit der Verwendung des Futurs grammatikalisch noch eine gewisse Zuversicht anzudeuten: Noch ist es nicht soweit, wir können noch gegensteuern. In Hinsicht auf die aktuelle Talk-Kultur erstirbt diese Zuversicht jedoch unmittelbar! Deprimierend auch eine aktuelle Erfahrung in den sozialen Netzwerken. Ich hatte mich hinreisen lassen, auf einen wirklich dämlichen Post (und davon gibt es viele) zu reagieren, immer verbindlich im Ton, aber klar in der Kritik. Es entspann sich ein kurzer Dialog, in dem ich ein Angebot zur gemeinsamen Reflexion des Themas, es ging, natürlich, um die Gleichsetzung der Corona-Maßnahmen mit Freiheitsberaubung, und möglicher Konsequenzen machte. An diesem Punkt erstarb der Dialog jäh, mit der fadenscheinigen Ausrede, man würde zu viel Zeit in den sozialen Netzwerken verbringen! Unglaublich. Das selbständige Denken ist eben anstrengend, lamentieren über die tradierten Feindbilder viel einfacher!

Aber jetzt bin ich doch wieder bei einem Lieblingsthema gelandet. Sich nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen, meinte einst Adorno. Horkheimer hat es gut in Worte gefasst: Theoretisch pessimistisch, praktisch optimistisch. Nun denn! 

Ich wollte eigentlich über einen Gedanken weiter nachdenken, den Richard David Precht vor kurzem in einem Interview formulierte, dass wir vor allem deshalb so oft aneinander vorbei reden, weil wir ZU VIEL kommunizieren. Das war ein hörbarer Kontrapunkt zu all dem, was ich bis dato angenommen hatte. Mehr Komplexität braucht doch mehr, und vor allem bessere Kommunikation, dachte ich. Und jetzt? Bei vermehrtem Draufrumdenken schleichen sich aber doch einige Aspekte in die üblichen Gedankengänge, die einerseits überraschen, andererseits aber auch nicht neu sind. Wenn wir weniger kommunizieren sollen, dann braucht das zwei Voraussetzungen. Wenigstens! Zum einen müssen wir trotzdem unsere Dialog- und also Sprachfähigkeit übend entwickeln, denn wir haben weniger Gelegenheiten, und müssen schneller und klarer zum Punkt kommen! Andererseits brauchen wir mehr Vertrauen zueinander, dass andere meine Interessen mitdenken, berücksichtigen. Kombiniert mit einem guten Schuss Großzügigkeit, und garniert mit einer Prise Humor ist das eine durchaus attraktive Perspektive. Eine angemessene Form der Kommunikation, angesichts der aktuellen Entwicklung, in der alles VUKA ist, volatil (schwankend, unbeständig), unsicher, komplex, ambivalent / ambig (zwei-, mehrdeutig).

Und jetzt richte sich der Blick wieder auf die öffentliche Debatte, und … es fällt schwer, dem „Prinzip Hoffnung“ verbunden zu bleiben. TROTZDEM: Es muss, wir müssen, ich muss mit aller Kraft darauf hinwirken, dass diese Sprachschlamperei aufhört, und wir uns wieder ernst nehmen, indem wir sagen, was wir denken, und tun, was wir sagen. Gerade das ist ein respektvoller Umgang, ständig eingefordert, ständig versagt! Mehr gute Beispiel ins Gespräch bringen, sich nicht entmutigen lassen, und an Rosa Luxemburg denken: „Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat“! Ich weiß, viel Pathos! Ich kann nicht ohne!

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